Das Schwein, der Tod und Bertolt Brecht

Alfred, eines unserer Wollschweine wurde von Richard Käge, dem Foodscout von Globus zu einem interessanten Interview eingeladen. Dieser wird Alfreds Bauch an seinem Geburtstagsessen zubereiten

Ein faktennahes Gespräch…

 

Foodscout: Hallo Alfred, es ist mir ein wenig peinlich, dass…

Alfred (unterbricht): Du meinst, dass du mein bestes Stück essen wirst? Keine Ding, das hat bei uns eine andere Bedeutung als bei euch Jungs.

Foodscout: Äh, nein, aber wir plaudern hier bei Äpfeln und hartem Brot und uns beiden ist bewusst, wie die Geschichte ausgehen wird. Fatal für dich, wunderbar für mich. Bestimmt bist du mir gram?

Alfred: Ach was. Hampi (der Bauer, also Alfreds Boss) hat uns schon beizeiten darauf vorbereitet. Das Leben bei ihm ist zwar kein Rübenschlecken, aber so gut wie wir hat es kaum ein Schwein. Wir leben in einer Art Symbiose mit Hampi – obwohl er gar nie Schweine wollte. Seine steilen Hänge oberhalb des Walensees sind mit keiner Maschine zu bewirtschaften, nur wir Wollschweine werden mit all dem Gestrüpp und Dornengewucher fertig. Dafür dürfen wir den Boden komplett umgraben und finden immer wieder neue Stellen mit würzigen Kräutlein. Deren Aromen findest du in meinem Bauchfett wieder, freu dich darauf!

Foodscout: Darauf kannst du Speck nehmen. Woher kommst du überhaupt, so struppig, wie du aussiehst?

Alfred: Ursprünglich aus Ungarn. Unsere Rasse, Mangalitza, wühlt sich seit 200 Jahren durch die Böden Osteuropas. Dank der dichten Haare und der enormen Speckschicht fühlen wir uns durch alle Jahreszeiten sauwohl draussen. Darum riechen wir auch viel besser, nach Büschlein und dem Wind, der unsere Borsten zerzaust. Vor einiger Zeit verdrängte uns das profane englische Hausschwein beinahe. Es ist auf schnelles Wachstum und weniger Fettanteil gezüchtet, der Markt verlangte nach dem mageren, bleichen Cousin; Unser Bestand schrumpfte bis auf wenige Hundert Kollegen. Bis sich einige Gourmets unserer Sache annahmen und durch ihre Gier auf unser Fett den Fortbestand sicherten.

Foodscout: Aha. Aber auch hier sind ja deine weissen Verwandten viel verbreiteter, leider weggesperrt in grossen, fensterlosen Ställen, aus denen es so schrecklich riecht. Gibt es da Konkurrenzdenken?

Alfred: Stimmt, die haben nichts zu grunzen dort. Vermutlich ist es eher Neid – auf unser schweinisch schönes Leben an der frischen Luft. Als die Ersten von uns in die Schweiz kamen, das war schon schwierig. Dunkle Haut und Kraushaare! Kannst dir ja vorstellen, welche Gedanken das auslöste hierzulande. Aber da waren einige Enthusiasten, die sagten: Wir schaffen das! Und sie teilten uns an interessierte Bauern in der ganzen Schweiz zu. Solchen, denen Schweinewohl am Bauch liegt. Wir waren überall willkommen – ausser in einem Kaff namens Oberwil-Lieli. Dort wollen sie nur bleiche Schweine. Scheint ein gallisches Dorf zu sein; frisches Blut – und noch dazu von dunklen Kraushaarigen wie wir – ist da unerwünscht. Das öffnet der Inzucht Tür und Tor, was für eine Menscherei!

Foodscout: Fleisch essen gilt ja immer mehr als Verbrechen an unserem Planeten. Müssen wir Karnivoren uns bald bei Nacht und Nebel zum Metzger schleichen, falls der nicht schon von militanten Veganern zum Mandelmilchabfüllen zwangsrekrutiert wurde?

Alfred: Tja, es läuft gerade gewaltig schief. Die Hälfte der Weltproduktion an Getreide wird für die Tierfütterung verschwendet, was für ein Irrsinn. Würde jeder drei Tage in der Woche vegetarisch essen, die Welt wäre eine andere. Da muss auch niemand gleich zum Gemüse-Fundi werden deswegen. Und bitte ohne Ersatzprodukte wie Schnitzel aus Soja oder Käse aus Cashewnüssen – wie degoutant! Du hast ja auch keine Ersatzfrau zum Aufblasen, oder?

Foodscout: Äh, ja, hast recht, eine Richtige oder keine, klar. Und meine Luft brauche ich für anderes, zum Beispiel um die Grillglut anzufachen, auf der ich deinen Bauch rösten werde. Du hast nie etwas anderes als Gemüse, Gras und Obst gefressen? Kaum zu glauben, so fett wie du bist! Ein veganes Schwein!

Alfred: Fast. Bei der Mama etwas Milch gezapft, damals, ein paar Wochen lang. Sonst nur Gemüseresten und altes Obst. Und was eben so auf unserer Steilwiese wächst. Das Beste sind jeweils die vergärten Trester im Herbst, die uns Hampi überlässt, wenn er seinen Wein keltert. Da laden wir jeweils die Nachbarschweine zur Stallparty. Und lassen echt den Menschen raus. Wie da die Post abgeht! Bloss, der Hangover danach …

Foodscout: Hört sich nach glücklichem Dasein an. Ich verspreche dir, eine exquisite Zubereitung wartet auf dein Bäuchlein, du darfst deinem Ableben gelassen entgegen sehen.

Alfred: Schön. Schon Brecht sagte: Die Sau ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an sie denkt. Und ich weiss, meinen Bauch wirst du nie vergessen. Also: Schwein gehabt!

Rezept hier

Quelle: Globus Kolumne